FIDE Kandidatenturnier 2026 (2)

Bericht von Henry Mischung (Mittwoch, 8.4.)

So, liebe Schachfreunde, mittlerweile ist der 8. April und wir haben jetzt 13 Uhr und so langsam kommt Bewegung in die täglichen Vorbereitungen für die nächste Spielrunde.

Heute ist es die neunte Runde von 14 und im Moment sitze ich noch relativ gelassen auf meiner Terrasse und schaue hier raus aufs Meer, das ist wirklich eine traumhafte Location.

Also, die Schachspieler wissen auch, wie man es sich gut gehen lässt.

Gestern abend erzählten Gäste am Nachbartisch, dass sie Schachspieler getroffen haben, z.B. beim Frühstück. Mit entsprechender Erwartungshaltung bin ich also dann heute Morgen in den Frühstückssal und es dauert tatsächlich nicht lange und plötzlich kommt Fabiano Caruana herein, in irgendeinem Kapuzenpulli, eher unaufgeregt. Uiiii! Der angebliche Turnierfavorit, absolute Weltspitze, sitzt einfach so am Nebentisch und trinkt den gleichen Cappuccino wie ich. Das ist ein Ding!

Ich würde ihn ja gerne ansprechen und vielleicht ein Autogramm erbitten, aber ich will ihn nicht beim Frühstück stören, der will ja sicher auch seine Ruhe haben. Aber ich kann ihn auch nicht einfach so wieder gehen lassen, oder?

Also beobachte ich ihn genau, bis er sich anschickt, den Saal zu verlassen und schlage dann zu. Er hat nichts gegen ein Selfie und ein Autogramm, ich wünsche ihm viel Glück für seine Partie heute gegen Anish Giri, und weg ist er.

Nur Minuten später kommt Anish Giri rein und setzt sich mit irgendeinem Kumpel an einen Tisch, dann Praggnanda, dann Wei Yi, dann Esipenko, dann Peter Swidler und sogar Daniel Dubov, von dem ich überhaupt nicht weiß, warum der hier ist, denn der spielt nicht mit.

Ich bin restlos begeistert und staune wie ein kleines Kind auf meine Helden, sammle Autogramme und Selfies…. und stelle fest: Die sind ja alle kleiner als ich! Passt irgendwie nicht zum Heldenbild, macht sie aber gleich noch “menschlicher” als sie hier ohnehin herumlaufen.

Der Spielsaal liegt ungelogen keine 5 Meter gegenüber von meinem Hotelzimmer, und ich hatte ihn natürlich verschlossen erwartet heute Morgen, noch vor dem Frühstück. Aber, oh Wunder, die Türe war nur angelehnt. Also nicht lange zögern und hinein in die Schatzkammer, die man ja eigentlich nicht mit Handy oder sonstigen elektronischen Geräten betreten darf. Fotos sind strengstens verboten.  Aber: Kein Mensch weit und breit.

Der Spielsaal selber ist relativ klein. Acht Tische sind aufgestellt, denn das Damenkandidatenturnier findet ja gleichzeitig auch dort statt. Bretter und Figuren stehen schon bereit, auf den Videotafeln sind noch die Bilder von den Vortagspartien zu sehen. Ich bin mutterseelenalleine und komme mir vor wie ein Einbrecher nachts im Museum. Sehr aufregend!

Und auch das Pressezentrum ist unverschlossen, so dass ich Bilder machen kann. Fein!

Der Spielsaal hat einen Hintereingang für die Spieler, und da sieht es so ähnlich aus wie am Flughafen, so ein Security Gate, durch das man durchlaufen muss. Ich gehe davon aus, dass die Spieler sich dieser Untersuchung unterziehen müssen zur Vorbeugung gegen Betrug.

Die Spiele fangen jeden Tag um 15.30 Uhr an, Um 14.20 Uhr ist Einlass für die Zuschauer. Für den heutigen Tag wurden 98 normale Tickets verkauft, erfreulich wenig und mehr als genug für den kleinen Saal. Dann gibt es eine Taschenkontrolle, sehr gründlich. Und schließlich wird man auch noch abgescannt von oben bis unten mit so einem Piepser, ob man auch wirklich nichts dabei hat.

Und dann stehe ich also endlich “live” im Turniersaal. Eine spannende Partie aus deutscher Sicht: Matthias Blühbaum gegen den Sindarov, den Shootingstar in diesem Turnier.

Und ein Sieg von Matthias Blühbaum hätte dem ganzen Turnier gut getan, denn Sindarov, der eilt hier einfach davon mit jedem halben Punkt oder ganzen Punkt, den er macht. Und für Matthias Blühbaum hätte es mich auch gefreut, wenn er einen Punkt eingefahren hätte.

Kurz vor Spielbeginn kommen nach und nach die Spieler oder Spielerinnen rein, setzen sich an ihren Platz. Dann kommt erstmal die Presse und versperrt und noch zehn Minuten die Sicht bis dann allmählich Ruhe einkehrt. Schweigen legt sich über den Saal und nur noch das gelegentliche Klacken der Schachuhren ist zu hören.

Direkt vor mir war das Brett vom Blühbaum gegen den Sindarov. Das war eine, fand ich, spannende Partie, denn ich habe den Blühbaum so wahrgenommen.dass er keine Angst hatte vor dem großen Sindarov. Im Gegenteil, plötzlich hatten die beiden in verschiedene Richtungen rochiert und das ist ja eigentlich immer ein Zeichen für eine lebendige Partie, weil dann jeder versucht, seine Bauern auf dem jeweils anderen Flügel nach vorne zu treiben, um dem dortigen König zu Leibe zu rücken.

Und so hatte ich mir das ja auch erhofft, Blühbaum mit offenem Visier! Aber plötzlich standen alle Schwerfiguren von Sindarov mit Blick auf Blühbaums König;  beide Türme auf der A- und B-Linie. Die Dame noch auf B6 und der Läufer dazwischen, der musste nur noch abziehen. Da drohte also Unheil. Das sah ganz furchtbar aus. Und ich hatte mehrmals schon gedacht, Matthias streckt ihm jetzt gleich die Hand hin, um aufzugeben. Aber mitnichten war das der Fall,  er hat sich galant aus diesen Problemen herausgewunden, super verteidigt. Am Schluss blieben noch zwei Türme jeweils übrig und ich glaube vier Bauern, die der Reihe nach dann gefallen sind. Blühbaum hat dann einen Turmabtausch erzwungen und zwischendrin sogar noch einen Bauern geopfert, den er sich aber wiederholen konnte. Und das ging dann am Schluss in ein wirklich faires Remis über.  

Oft liegen mehrere Minuten zwischen den Zügen, manchmal auch 20 oder sogar eine halbe Stunde. Aber es gibt ja auch noch andere Bretter. Und so kann man hier mal gucken und da mal gucken. Und irgendwo klickt dann doch immer eine Schachuhr. Ja, es gibt eigentlich immer was zu sehen. Und wenn auf den Brettern nichts passiert, dann guckt man sich die Spieler und Spielerinnen genauer an und lernt ein bisschen was über deren Marotten.

Zum Beispiel Anish Giri, der sitzt eigentlich kaum auf seinem Stuhl, wenn er nicht am Zug ist. Sprich, wenn er einen Zug gemacht hat, steht er eigentlich immer sofort auf. Und wenn es nach Kilometern ging, dann hätte er das Turnier schon gewonnen. Der ist permanent unterwegs, läuft zu den anderen Tischen oder auch mal hinten in den Ruheraum für die Spieler. 

Dort hängt auch eine Leinwand, mit den Partien “live”. Und so kann man also als Spieler jederzeit und überall sehen, wann der Gegner einen Zug gemacht hat, sodass man dann wieder in den Turniersaal vorkommen muss, um dort wiederum seinen Zug auszuführen.

Also Anish Giri war viel unterwegs, andere wackeln ständig dem Fuß (Blühbaum, Pragg), Nakamura ist kaum am Brett und meistens im Ruheraum.

Ganz witzig fand ich auch den Moment, als Fabiano Caruana aufgestanden ist von seinem Brett, nachdem er einen Zug gemacht hatte, wanderte dann durch den Spielsaal und stellte sich dann schließlich vor diese große Videoleinwand, wo alle acht Bretter live angezeigt wurden. Da stand er nun und schaute sich das live-Bild seiner eigenen Partie an, die gerade von seinem Brett hinter ihm in die ganze Welt übertragen wurde.

Nach 3 Stunden Stehen waren noch 3 Partien im Gange, aber ich war platt und verpasste daher den Glanzzug Kh6 von Anish Giri gegen Fabi. Das solltest ihr euch unbedingt anschauen, ein Schachleckerbissen!

So, das war viel Text, sorry. Es war ein voller Tag heute, alles “live”, ein toller Einblick in das Profi-Schachgeschäft.

Ich sauge die Schachluft ein und freue mich sehr auf morgen.

Mit besten Grüßen 

Euer Henry 

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