Kirche und Schach

Die Beziehung zwischen Schach, Religion und ihren kulturellen sowie spirituellen Einflüssen ist äußerst vielschichtig. Besonders interessant sind die Verbindungen zur mythologischen Figur Caissa, zu Teresa von Ávila sowie die sich wandelnde Haltung der Kirche zum Schachspiel über die Jahrhunderte.


Caissa: Die mythologische Muse des Schachs

Schach, das Spiel der Könige, hat seine Spuren nicht nur in der Realität, sondern auch in der Mythologie hinterlassen. Die Figur der Caissa stammt aus einem Gedicht des britischen Gelehrten William Jones aus dem Jahr 1763. Darin wird Caissa als Göttin oder Muse des Schachs dargestellt, die die Aufmerksamkeit des Kriegsgottes Mars auf sich zieht. Von ihrer Schönheit und Klugheit bezaubert, gewinnt Mars schließlich ihr Herz, indem er das Schachspiel für sie erschafft. Caissa symbolisiert damit nicht nur die strategische Tiefe und intellektuelle Herausforderung des Schachs, sondern auch seine kulturelle und künstlerische Bedeutung.


Teresa von Ávila: Strategin des Geistes und des Glaubens

Weniger mythisch, aber umso realer ist die Geschichte von Teresa von Ávila, einer einflussreichen Mystikerin, Schriftstellerin und Ordensreformerin. Geboren am 28. März 1515, trat Teresa bereits mit 20 Jahren in ein Karmeliterkloster ein. Ihre Liebe zum Schachspiel begann früh – sie spielte oft mit ihrem Vater und ihren Brüdern.
Teresa nutzte das Schachspiel, um komplexe spirituelle und moralische Fragen zu veranschaulichen. In ihrem Werk „Weg der Vollkommenheit“ vergleicht sie das Leben mit einem Schachspiel, bei dem strategische Planung und moralische Integrität unerlässlich sind. Teresa von Ávila wurde nicht nur für ihre tiefen spirituellen Einsichten, sondern auch für ihre Beiträge zur spanischen Literatur und ihre weitreichenden Reformen im Karmeliterorden bekannt.
Obwohl Teresa in zahlreichen Quellen als Patronin der Schachspieler bezeichnet wird, gibt es keinen eindeutigen Beleg dafür, dass sie dafür jemals offiziell von der Kirche eingesetzt wurde. Fest steht jedoch, dass sie 1622 heiliggesprochen und 1970 sogar zur Kirchenlehrerin (Doctor Ecclesiae) ernannt wurde. Diese Ehrentitel unterstreichen ihren dauerhaften Einfluss auf die spirituelle und kulturelle Geschichte des Christentums.


Zwischen Begeisterung und Verbot: Schach im Wandel der Zeiten

Die ambivalente Haltung der Kirche zum Schach spiegelt sich in verschiedenen historischen Momenten wider. Vom Mittelalter bis zur Renaissance gab es Stimmen, die das Schachspiel verbannten, während andere es förderten. Diese komplizierte Beziehung zeigt sich in Anekdoten, in denen Schach sowohl als edle Kunst als auch als potenzielle Ablenkung von religiösen Pflichten gesehen wurde. Auch Päpste wie Johannes Paul I. und Johannes Paul II. waren dem Spiel nicht abgeneigt, wie verschiedene Erzählungen berichten.


Schach und Kirche heute: Eine Renaissance des Spiels

In der heutigen Zeit hat sich das Verhältnis zwischen Schach und Kirche deutlich entspannt. Die Popularität des Schachs, insbesondere während der Corona-Pandemie und durch die Netflix-Serie „Das Damengambit“ befördert, macht deutlich, dass das Spiel weiterhin eine wichtige kulturelle und soziale Rolle erfüllt. Die Serie zeigt, wie Schach Menschen in schwierigen Zeiten Trost spenden und zugleich eine geistige Herausforderung bieten kann.
Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel für die tiefgreifende symbolische Bedeutung des Schachs in der Literatur ist Stefan Zweigs „Schachnovelle“. Das oft als Meisterwerk psychologischer Literatur geltende Werk nutzt das Schachspiel, um Isolation, innere Konflikte und menschliche Abgründe zu beleuchten. Auf eindringliche Weise verdeutlicht es, wie Schach als Metapher für die menschliche Erfahrung eingesetzt werden kann.


Abschlussgedanken

Die Geschichte des Schachs ist eng mit der kulturellen und spirituellen Entwicklung der Menschheit verwoben. Von der mythischen Caissa bis zur einflussreichen Teresa von Ávila zeigt sich, wie Schach als Spiegel und Metapher für größere Lebensfragen dient. In unserem Pfarrverband Menzing laden wir Sie ein, diese tiefe Verbindung weiter zu erforschen und durch das Schachspiel selbst zu erleben.